Wir danken der
Ausgabe vom 3. August 2009 Es ist voll etabliert“ Mit den Brasilianern machte sich Paul Breuer gestern Nachmittag aus Bad Laasphe auf den Weg nach Feudingen. An beiden Orten zeigten die Fußballer ihr Können. Fotos: jg
Feudingen: Ein wunderbarer Tag fast ganz ohne Autos startete gestern mit ein bisschen Verspätung
Wenn am Drive-In-Schalter eines Biedenkopfer Schnellrestaurants nur Radfahrer stehen, dann ist bestimmt „Lahntal total“. Gestern war es wieder so. Der Tag begann gleich mit einer halben Stunde Verspätung, so lange musste die offizielle Eröffnung der vierten Auflage von „Lahntal total“ warten, weil die hessischen Startschuss-Geber mit der Ober-Lahntal-Bahn nach Feudingen anreisen wollten. Bei strahlendem Sonnenschein war die in diesem Jahr verdoppelte Wagen-Zahl dennoch wieder ruckzuck vollbesetzt. Ab Friedensdorf nützte alles Quetschen und Drängeln nichts mehr, die Abteile und die Fahrrad-Waggons, in denen erstmals freundliche Mitarbeiter die Drahtesel im Empfang nahmen und platzierten, waren voll. Bürgermeister Robert Gravemeier hatte sich daraufhin kurzerhand in Bad Laasphe aufs Rad gesetzt und war pünktlich im Oberen Lahntal. Als Landrat Paul Breuer dann seinen verspäteten Amtskollegen aus Marburg-Biedenkopf, Robert Fischbach, begrüßte, stellte er für beide in Bezug auf „Lahntal total“ fest: „Wir haben hier etwas sehr Gutes auf den Weg gebracht.“ Und dass der heutige Erfolg einer Vision entsprang, dass machte er auch noch einmal deutlich: Hätte er vor zehn Jahren jemandem erzählt, dass die 50-Kilometer-Strecke von Feudingen bis Cölbe für Autos gesperrt und nur für Fahrradfahrer freigegeben werde, „dann hätten sie uns für geck gehalten“.
Auch diesmal hielten zahllose Vereine und Gastronome entlang der Strecke unterschiedlichste Angebote bereit, so dass niemand Hunger oder Durst leiden musste. In Feudingen, in Bermerhsausen, auf der Kunst-Wittgenstein, in der Kernstadt und natürlich auch wieder in Niederlaasphe zeigten sich die Wittgensteiner ihren Besuchern von der gastfreundlichsten Seite. Und die Gäste kamen aus allen möglichen Ecken, wie ein Blick auf die Nummernschilder am vollbesetzten Volkshallen-Parkplatz in Feudingen bewies. Udn auch wenn hinter der hessischen Grenze die gleiche Sonne schien, so wirkte die Wallauer Hauptstraße doch wie ausgestorben und an Biedenkopfs Marktplatz mit seinen vielen Angeboten herrschte ebenfalls wenig Betrieb. „Lahntal total“ bot hier zwar den Reiz, dass man mit dem Rad über die breitausgebaute, schön geschwungene Umgehungsstraße fahren dürfte, dem Innern der Orte brachte das jedoch nichts. Außerdem hatten die Biedenkopfer erst am vorhergehenden Wochenende ihre Innenstadt für eine Inliner-Veranstaltung des Hessischen Rundfunks gesperrt. Beim hohen Deckungsgrad der Zielgruppen wäre eine bisschen bessere Abstimmung bestimmt nützlich gewesen. Weiter lahnabwärts kam die Strecke dann aber wieder dichter an die Bebauung und an die Menschen heran. In Buchenau war der Teufel los, in Sterzhausen standen hingegen Kreuz und Altar auf der Straße, so dass man hier auf der Strecke an einem Freiluft-Gottesdienst teilnehmen konnte. Auch gestern zeichnete sich die Veranstaltung durch ihre Nähe aus, die offenkundig sehr viel einfacher entsteht, wenn keine Motoren knattern oder röhren, und wenn die Fortbewegungs-Geschwindigkeiten der Fußgänger, Inliner, Reiter, Radler, Rollstuhl- oder Kutschenfahrer von vornherein nicht so unterschiedlich groß sind. Paul Breuer freute sich insbesondere darüber, dass sich die Veranstaltung verselbständigt habe. Sie sei zwar von außen an die Bevölkerung herangetragen worden, aber inzwischen hätten die Lahntaler die Veranstaltung zu ihrer eigenen gemacht.
Einbezogen wurden in die Nähe gestern auch ganz weitgereiste Besucher. Ein knappes Dutzend Fußballer vom 1.FC Sao Paulo nahm ebenfalls an „Lahntal total“ teil. Die jungen Brasilianer waren einst selbst Straßenkinder und besuchen derzeit den Kreis Siegen-Wittgenstein, um bei Benefiz-Veranstaltungen Spenden für andere Straßenkinder zuhause zu sammeln. Sowohl am Laaspher Wilhelmsplatz als auch beim Feudinger Hotel Doerr stellten sie ihr fußballerisches Können unter Beweis und kickten miteinander und ein bisschen mit den jungen Besuchern, die sich das trauten. Dabei waren die Jungs aus Brasilien recht beeindruckt von dem Oberlahntaler Gianluca, der den Südamerikanern bei einigen Tricks schon nacheiferte. In beiden Orten kamen über 300 Euro als Spenden für „Alem Brasil“ zusammen. Und so hatte „Lahntal total“ neben all seinem Spaß, seiner Bewegung und seiner Begegnung auch noch etwas greifbar Gutes. Kein Wunder, dass Paul Breuer am Ende ein positives Fazit zog: „Es ist voll etabliert, und das ist schön.“ Ohne nennenswerte Unfälle seien 90 000 bis 100 000 Menschen auf den Straßen unterwegs gewesen, sein Dank galt vor allem den rund 200 Einsatzkräften, die ehrenamtlich oder im Sonntags-Dienst dafür sorgten, dass die Mammut-Veranstaltung so problemlos ablief. Und Roswitha Still hatte als Geschäftsführerin des Touristikverbands Siegerland-Wittgenstein auch noch zwei erfreuliche Nachrichten: Auf hessischer Seite habe man die Hoffnung, dass die Tour im kommenden Jahr wieder direkt durch Wallau und Biedenkopf führe. Außerdem gehe sie derzeit davon aus, dass „Lahntal total“ in 2010 Mitte Mai, nach Himmelfahrt, stattfinde, und man diesen Termin dann auch etablieren könne. Denn nachdem „Siegtal pur“ und die „Eder-Bike-Tour“ mittlerweile feste Termine in den Kalendern haben, wurde „Lahntal total“ noch fleißig hin- und hergeschoben. Ach ja, möglicherweise gab es wieder Schwierigkeiten mit der Bahnbeförderung. Als Erstes könnte man überlegen, ob die insgesamt wunderbare Veranstaltung diesen Ärger nicht wettmacht. Und als Zweites könnte man überlegen, was wohl die Brasilianer zu diesen Problemen sagen würden. (jg)
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